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Worth the Bag

Preise für: Deutschland, EUR

Amerikanischer Glasperlenbeutel aus dem späten 19. Jahrhundert mit Tulpenmotiv, türkisen Bändern und Perlenfransen auf schwarzem Grund
Bild: Pouch, fourth quarter 19th century. The Metropolitan Museum of Art. CC0

Geschichte

Vor der Birkin

Lange bevor jemand dafür Schlange stand, war die Handtasche eine praktische Antwort auf ein Kleid ohne Stauraum. Dann kam sie unter dem Rock hervor, und alle schauten hin.

Das Team von Worth the Bag, 31.10.2026

Die älteste Tasche dieser Geschichte ist neun Zentimeter hoch, vor rund sechshundert Jahren in Peru aus Baumwolle und Muschelperlen gefertigt, und ihr Preis wurde noch nie erhöht.

Kleiner Netzbeutel aus orangen, weißen und roten Muschelperlen an einer Schlaufe
Perlenbeutel, Chimú oder Chancay, Peru, 14. bis 15. Jahrhundert. Baumwolle und Muschelperlen, etwa 9 cm hoch. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Mit dem, was heute in Pariser Boutiquen steht, ist sie nicht verwandt, und wir tun auch nicht so. Sie steht hier, weil sie daran erinnert, wie lange Menschen schon kleine Dinge bei sich tragen und dieses Tragen schön haben wollen. Die europäische Geschichte, die zur Birkin führt, verläuft seltsamer, denn ihr wichtigstes Objekt blieb lange unsichtbar.

Die Tasche unter dem Rock

Von etwa 1650 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, schreibt das Victoria and Albert Museum, trugen Frauen gewöhnlich Umbindetaschen: lose Beutel, die an der Taille unter der Kleidung festgebunden und durch Schlitze in Kleid und Unterröcken erreicht wurden. Zierlich waren sie nicht. Ein typisches Exemplar maß etwa 40 mal 30 Zentimeter. Hinein kamen Schlüssel, Federmesser, Scheren, Schnupftabakdosen, Uhren und Münzen, gelegentlich auch etwas, das niemand finden sollte.

Alles, was eine Frau brauchte, lag also in einem Beutel, den niemand sah. Die Mode hatte dazu nichts zu sagen.

Dann änderten sich die Kleider.

Modestich einer Frau in schmalem weißem Kleid mit hoher Taille und grünem Oberteil in einer Landschaft
Blatt aus Gallery of Fashion, Band V, April 1798 bis März 1799, von Nicolaus Heideloff. Handkolorierte Radierung und Kupferstich. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Auf schwere, ausladende Roben folgten leichte Musselinkleider, so formuliert es die European Fashion Heritage Association. TRC Leiden beschreibt die Silhouette als eng und gerade, mit hoher Taille und dünnem Stoff. Unter einem solchen Kleid hat eine Tasche von 40 Zentimetern ein Problem. Die Lösung war ein kleiner Beutel, den man in der Hand oder am Arm trug, und er kam mit einem kleinen Skandal zur Welt: Laut Heritage Association waren manche Frauen von diesen sichtbaren Taschen schockiert, denn Dinge außen am Körper zu tragen galt als männlich.

Das V&A fügt eine Warnung hinzu, die man sich merken sollte. Es sei verlockend, das Ende der Umbindetasche mit dem Aufstieg der Handtasche gleichzusetzen, die Geschichte sei jedoch komplexer und interessanter. Beide lebten lange nebeneinander. Das schmale Kleid hat die Handtasche nicht erfunden. Aber es hat die Frage, was eine Frau bei sich trägt, ans Licht gezerrt.

Es ist verlockend zu sagen, die Handtasche habe die Umbindetasche getötet. Das V&A hält die Geschichte für komplexer und interessanter.

Ein Wort und sein Witz

Der Name kommt über das Französische vom lateinischen reticulum, einem kleinen Netz, und tatsächlich waren viele frühe Exemplare genetzt. Das Englische kannte daneben ein Konkurrenzwort: ridicule. Grammarphobia findet es, gestützt auf das Oxford English Dictionary, in der Bildunterschrift eines Drucks von 1799 aus dem British Museum. Das ist zwei Jahre, bevor „reticule“ in einem Text von 1801 auftaucht. Das Wörterbuch hält ridicule für ein wahrscheinlich im Französischen entstandenes Wortspiel. Der Witz schaffte es also vor dem vernünftigen Wort in den englischen Druck, und er hielt sich eine Weile: Ackermann’s Repository of Arts erwähnte 1812 ein „pink embroidered ridicule“.

Genetztes Reticule mit Rauten in Gold, Blau und Grün, Zugband und Quaste
Reticule, wohl deutsch, 1810 bis 1830. Seide und Glas, 26 cm lang. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Meist bestanden sie aus Seide, schreibt TRC Leiden, nach etwa 1810 auch aus Samt. Die Sammlung des Met zeigt jedoch, wie weit die Idee reichte. Ein französisches Stück aus dem frühen 19. Jahrhundert, aus Leder und Schildpatt mit Kette, könnte Ihnen heute auf der Straße begegnen, und Sie würden fragen, wo sie es herhat.

Feste Tasche aus rotem Leder mit Schildpatt-Details und zwei Kettenhenkeln
Reticule, französisch, frühes 19. Jahrhundert. Leder, Schildpatt und Metall. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

In der Perlenstickerei zeigt sich das Begehren am deutlichsten. Bei einer mexikanischen Börse von 1800 bis 1820 verwandeln Glasperlen auf Seide und Leinen ein Quadrat von etwa 9,5 Zentimetern in eine kleine Landschaft, dazu kommen Perlenriemen, die länger sind als die Tasche selbst. Für eine einzelne Münze braucht das niemand.

Bestickte Umschlagbörse mit Hirtenlandschaft und langen Perlenriemen
Börse, mexikanisch, 1800 bis 1820. Glas, Seide und Leinen. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Die Börse, die sich nicht öffnen wollte

Dann gibt es das Stück mit dem besten Namen der Accessoire-Geschichte. Der englische Miser’s Purse, der Geizhalsbeutel, auf Deutsch auch Ringbörse, ist ein langer, an beiden Enden geschlossener Schlauch mit einem Schlitz in der Mitte und zwei Schieberingen. Die Münzen wandern durch den Schlitz, und die Ringe halten sie an den Enden fest und voneinander getrennt. In Mode kam die Börse laut TRC Leiden im späten 18. Jahrhundert, und sie hielt sich bis ins frühe 20. Den geizigen Namen führt das Cooper Hewitt auf ihren Ruf zurück, besonders fest zuzuhalten.

Lange Perlenbörse in Orange, Gelb und Marineblau mit Silberringen und Perlenquaste
Miser’s Purse, amerikanisch, 1840 bis 1860. Baumwolle und Metall, 43 cm lang. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Eine Sicherheitsvorrichtung aus Häkelgarn, die man, wie diese Stücke zeigen, trotzdem gern vorzeigte.

Alles an den Gürtel

Die Chatelaine ging den umgekehrten Weg und stellte gleich alles aus. Dem V&A zufolge entwickelte sie sich aus den Schlüsselbunden der Burgherrin und trug Fingerhüte, Knöpfhaken und Uhren an Ketten, die von einer Schließe am Gürtel herabhingen. Um 1790 fertigte die Werkstatt von Matthew Boulton in Birmingham eine aus geschliffenem, facettiertem Stahl. Dieses spätere Stück führt zwischen den Ketten eine winzige Netzbörse mit.

Chatelaine aus Metall mit langen Ketten, Netzbörse und kleinen Werkzeugen auf schwarzem Grund
Chatelaine, wohl französisch, viertes Viertel des 19. Jahrhunderts. Metall, Email und Papier, 48 cm lang. Bild: The Metropolitan Museum of Art, CC0

Und dann ein Flug nach London

1983 soll die Schauspielerin Jane Birkin auf einem Flug von Paris nach London dem Hermès-Chef Jean-Louis Dumas erzählt haben, wie schwer es sei, eine Wochenendtasche aus Leder zu finden, die ihr gefällt. Ein Jahr später gab es die Birkin.

Es ist dieselbe Klage wie die der Frau im Musselinkleid: kein guter Platz für meine Sachen. Geändert hat sich nur die Antwort, und die hat inzwischen eine eigene Preisgeschichte, die wir auf unserer Seite zu den Preiserhöhungen festhalten. Nach der Tasche unter dem Rock drehte sich niemand um. Seit sie hervorgekommen ist, schauen alle hin, und das hat nicht mehr aufgehört.

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